Historische Studien
Regensburg Januar 2016

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Emilie Freising

Emilie Freising kam im Alter von 71 Jahren nach Regensburg. Sie wurde von ihrem Sohn Karl begleitet.
Wer war diese Frau und was bewegte sie, hierher zu kommen?
Emilie erblickte am 18. September 1864 in Heidenheim am Hahnenkamm (nahe Gunzenhausen) in Franken das Licht der Welt. Ihr Vater Isaak Gutmann (1831-1905) war Handelsmann, ihre Mutter Babette, geb. Mandelbaum, verstarb früh.
In Heidenheim lebte Emilie bis zu ihrer Verheiratung im Dezember 1899 im Haus Nr. 160, heutige Moosgasse 3.
Ihr Bruder Leopold lebte mit seiner Familie bis zum Jahr 1905 weiterhin im Haus. Die Vermählung mit dem 8 Jahre älteren Isidor Freising fand in Gunzenhausen statt.
Dort existierte eine große jüdische Gemeinde um 1900. Die Synagoge war ein prächtiger Bau, der im November 1938 nicht den Flammen der Nazis zum Opfer fiel, weil der örtliche Feuerwehrhauptmann dies zu verhindern wusste.


Synagoge von Gunzenhausen, erbaut 1882

Emilie lebte nach ihrer Verheiratung in Roth bei Nürnberg, Bahnhofstraße 27.
Ihr Gatte Isidor war Viehhändler, seine Eltern werden als Oekonomeneheleute in der Heiratsurkunde bezeichnet. Sohn Karl kam dort im September 1900 zur Welt; er blieb Einzelkind und übernahm in den 1920er Jahren den väterlichen Betrieb.
Die antisemitischen Beleidigungen und Angriffe auf Gemeindemitglieder begannen in Roth bereits vor 1933, die örtliche Zeitung hetzte massiv gegen jüdische Geschäftsleute und forderten sie auf, die Stadt zu verlassen.
Im Jahr 1931 verstarb Isidor im Alter von 75 Jahren. Er wurde auf dem Friedhof Georgensgmünd bei Roth beerdigt, der bereits im 16. Jh. angelegt worden war.
Vermutlich 1934 siedelte Emilie mit ihrem Sohn Karl in eine Wohnung in der 1737 erbauten Synagoge um. Sie zählten zu den letzten jüdischen Einwohnern, die sich schließlich im Dezember 1935 entschlossen, die Stadt zu verlassen.
Zwei Photos aus dem Redaktionsarchiv der antisemitischen Hetzzeitschrift „Der Stürmer“ halten diesen Moment fest. Ob ihnen der Umzug nach Regensburg schwergefallen sein mag? Immerhin war Emilie zu diesem Zeitpunkt bereits 71 Jahre alt.
Regensburg war sicherlich eine wohl überlegte Alternative; zum einen lebte hier der erfolgreiche Neffe Carl Freising mit seiner Frau Irma und drei Kindern, zum anderen bot eine große Stadt mehr Anonymität und Zurückgezogenheit.
Carl Freising führte ein gut eingeführtes Geschäft für Werkzeuge und Schreinereibedarf in der Oberen Bachgasse 21 und konnte sicherlich seine Tante Emilie finanziell und ideell unterstützen.
Sein Vater Simon war der jüngere Bruder von Isidor und lebte zu dem damaligen Zeitpunkt noch in Sulzbürg. 1940 nach dem erzwungenen Verkauf des Anwesens in Sulzbürg zog auch Simon Freising nach Regensburg und lebte im Altersheim, an das Carl, der Sohn, monatlich 90 RM überwies. Er verstarb 1941 in Regensburg.
Emilie Freising und ihr Sohn Karl bezogen anfangs eine Wohnung im ersten Stock des Hauses Weißgerbergraben 7.
Doch auch in Regensburg wurden die nationalsozialistischen Parolen lauter und die Einschränkungen im täglichen Leben spürbar. In der Nacht von 9. auf 10. November 1938 wurde die Synagoge Am Brixener Hof niedergebrannt, alle jüdischen Männer wurden verhaftet. Auch Emilies Sohn Karl war davon betroffen, er wurde in das KZ Dachau überstellt und blieb dort vom 13. bis 24.11.1938 gefangen.
Nach seiner Rückkehr bemühte sich Emilie wohl um die Ausreise aus Deutschland, denn sie beantragte die Ausstellung einer Kennkarte im Dezember 1938. Bereits zwei Monate später, am 1. Februar 1939, ehelichte ihr Sohn Karl in Regensburg die 4 Jahre jüngere Beate Kahlenberg aus Brilon.
Auch Beate stammte aus einer Viehhändlersfamilie, doch ihr Vater Max Kahlenberg war bereits im Jahr 1911 verstorben. Die Mutter Sara war daraufhin gezwungen, mit ihren vier kleinen Kindern in ärmlichen Verhältnissen zu leben, mehrfach hatte sie in den Jahren zwischen 1911 und 1926 versucht, ein Geschäft in Brilon aufzubauen. Beate arbeitete nach ihr Schulausbildung als Verkäuferin.
Das junge Ehepaar Karl und Beate Freising scheint Regensburg jedoch bald verlassen zu haben. Das weitere Schicksal ist unsicher, Beate Freising konnte in die USA emigrieren.
Emilie zieht daraufhin aus dem Haus am Weißgerbergraben in die Fröhliche-Türken-Straße 5 um. Das ursprüngliche mittelalterliche Anwesen war während der Belagerung Napoleons im Jahre 1809 stark beschädigt und danach wieder aufgebaut worden. Seitdem existierte die Gastwirtschaft „Goldener Löwe“ im Erdgeschoß, die einige Zimmer im Obergeschoß vermietete.
Besitzer der Dreiflügelanlage waren die Eheleute Jordan. Wolf Jordan war ein geschätzter Viehhändler und Partner von Frau Sämann gewesen. Er starb 1928, seine Witwe Babette Jordan war bereits hochbetagt.



Fröhliche-Türken-Straße 5

Wiederum nur ein vorübergehendes Exil – ein weiterer Umzug ins jüdische Altersheim in der Weißenburgstraße stand Emilie bevor.
Wenige Monate später wurde sie wie die übrigen Senioren und Seniorinnen im September 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo sie am 23. August 1943 verstarb, wenige Wochen vor ihrem 79. Geburtstag.


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