Historische Studien
Regensburg 25.06.2012

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LEBENSSPUR FRIEDA SÄMANN

Martin Sämann, der im Jahr 1894 in Suggenheim geboren worden war, heiratete im Jahr 1922 die zwei Jahre jüngere Frieda Firnbacher. Frieda wurde in Goßmannsdorf/Main geboren, ihr Vater Joseph Firnbacher war Viehgroßhändler und Gemeinderat und zog mit seiner Familie 1907 nach Straubing. Nach ihrer Hochzeit mit Martin Sämann zog das junge Paar nach Regensburg. Hier wurden zwei Kinder geboren: Ilse im Jahr 1923, Heinz vier Jahre später.

Martin war, aus einer Viehhändlerfamilie stammend, auch hier als Vieh- und Hopfenhändler tätig.
Doch das Familienglück zerbrach allzu schnell – Martin verstarb an den Folgen einer Giftgasverletzung aus der Zeit als Soldat im Ersten Weltkrieg, bereits 1929 und ist auf dem Jüdischen Friedhof im Stadtpark beerdigt.

Frieda musste als Witwe für den Lebensunterhalt sorgen. Sie eröffnete zusammen mit Herrn Jordan eine Viehhandlung in der Fröhlichen-Türken-Straße 5. Die Geschäfte am Schlachthof liefen gut, wie Helmut Halter in seinem Standardwerk berichtet. Dies erregte früh Widerwillen – bereits 1934 forderte der örtliche Kreisverband des „Reichsverbandes des nationalen Viehhandels“ ein
Zutrittsverbot für den Betrieb Sämann & Jordan. Doch der Bezirkstierarzt Dr. Jakob Kolb, dem der Schlachthof unterstand, wusste dies zu verhindern. Er zog sich auf eine juristische Argumentation zurück und belegte, dass er keine Handhabe gegen den Betrieb habe. OB Schottenheim stimmte schließlich dieser Sichtweise zu und lehnte den Antrag des Reichsverbandes ab.

Auch in folgenden Jahren gab es mehrere Angriffe gegen die jüdischen Viehhändler, die Dr. Kolb erfolgreich abwehren konnte. Doch im November 1936 gab es weitere Provokationen. Es war eine geplante Aktion, wie sogar die Polizei vermerkte: 150 vorwiegend aus Nürnberg angereiste Schulungsteilnehmer bedrohten die fünf jüdischen Viehhändler, die sich daraufhin in das Direktionsgebäude des Schlachthofs flüchteten. Dr. Kolb wurde als „Judenknecht“ beschimpft, die Viehhändler wurden verhaftet und „in Schutzhaft“ genommen. Schottenheim untersagte ihnen den weiteren Zutritt zum Schlachthof.

Tochter Ilse, der 1936 der Besuch des Von-Müller-Gymnasiums verboten wurde, wechselte auf eine private Knabenschule, wo sie viel Schikane erlebte. Doch auch im Wohnhaus in der Orleansstraße 6 herrschten Angst und Unfriede, nachdem ein neuer Nachbar eingezogen war, der dem Regime nahe stand.

Frau Frieda Sämann zog ihre Konsequenzen aus diesen Geschehnissen. Ihr Bruder war bereits nach Palästina ausgewandert, zu ihm nahm sie nun Kontakt auf. Schließlich gelang es ihr im Jahr 1938, ihrer Tochter Ilse die Ausreise zu ermöglichen. Über München ging die Reise nach Triest und schließlich nach Haifa. Es war ein schmerzvoller Abschied.

Im folgenden Jahr wurde Frieda Sämann gezwungen, in ein sog. Judenhaus in der Von-der-TannStraße umzuziehen.
Ab diesem Zeitpunkt bemühte sie sich, Ausreisepapiere auch für ihren Sohn und sich selbst nach Palästina zu erhalten. Noch 1941 gelang es ihrem 14-jährigen Sohn Heinz alleine über Frankreich und Spanien in die USA auszuwandern.

Doch für Frieda Sämann schlossen sich die Türen. Am Morgen des 2. April 1942 hatte auch sie sich auf dem Platz der abgebrannten Synagoge in der Schäffnerstraße einzufinden. Die Deportation nach Piaski, einem polnischen Städtchen unweit von Lublin, ist der letzte sichere Beleg; ihr weiteres Schicksal ist unbekannt.
Sie wurde 46 Jahre alt.

 


copyright © 2012 Sylvia Seifert / Zitat oder Abdruck nur mit Genehmigung des Verfassers