Historische Studien
Regensburg 02.12.2011

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Familie Brandis

Karl Brandis, geb. am 14. Dezember 1890 in Schweinfurt, heiratete im Jahr 1922 Alice Hedwig Holzinger, die Tochter von Gisela und Emil Holzinger.
Emil Holzinger war zusammen mit seinem jüngerem Bruder Ottmar Inhaber des Handelshauses Weiß & Holzinger in der Maximilianstraße/Ecke Königsstraße und leitete den Bereich der Großkunden. Im Jahr 1926 wurde ihm vom Staatsministerium für Handel, Industrie und Gewerbe der Titel eines Kommerzienrates verliehen. Mit seiner Frau Gisela, die aus Mainz stammte, bewohnte er eine Wohnung im oberen Stockwerk des geräumigen Hauses. Im Januar 1900 wurde Tochter Alice geboren, sie blieb Einzelkind und wuchs behütet auf.
Die Nachfolge des gut eingeführten und seit 1884 bestehenden Geschäftshauses in bester Lage sollte daher frühzeitig geregelt werden.
Die Wahl fiel auf Karl Brandis. Er wurde nach seiner Heirat mit Tochter Alice Geschäftsführer des Handelshauses, nach dem Tod seines Schwiegervaters im Jahr 1932 auch Mitinhaber. In diese Zeit fällt auch ein Umzug von der Wittelsbacherstraße in die Maximilianstraße.


Karl Brandis (li.) mit seinen Brüdern

Vier Kinder bereicherten das Glück des jungen Paares. Im Jahr 1924 wurde Charlotte geboren, in den Jahren 1926, 1927 und 1929 folgten die drei Buben Werner, Rudolf und Paul. Sie wuchsen in einem liberalen Milieu auf, hatten christliche Freunde und machten im Sommer gerne Ausflüge in die Umgebung.
Doch im Jahr 1933 änderte sich das, nachdem die NSDAP auch in Regensburg in das Rathaus eingezogen war. 1936 mussten die Kinder die staatliche Schule verlassen, in den folgenden Jahren mussten sie auch auf Schwimmbad- und Kinobesuche verzichten.
1938 schließlich wurde der Druck auf Ottmar Holzinger und Karl Brandis zu groß. Nach langen Verhandlungen wurde das Handelshaus zerschlagen, die Geschäftsbereiche Großkunden und Einzelhandel arisiert, das heißt unter Wert verkauft. Den christlichen Beschäftigten musste gekündigt werden. Auch die Immobilie musste veräußert werden; mit der Käuferin, Frau Erna Hofbauer, wurde vereinbart, die Wohnung weiterhin zur Miete nutzen zu können.
In der Nacht von 9. auf 10. November 1938 wurde auch Karl Brandis von SS-Truppen verhaftet, die Familie lebte zurückgezogen. Eine Emigration war angedacht, zumindest hatte Charlotte 1938 ein Einreisezertifikat nach Palästina erhalten, doch sie wollte ihre Eltern nicht verlassen. Anscheinend planten die Eltern dann, ihre Kinder nach England zu schicken. Es ist unbekannt, warum sie ihre Ausreisepläne nicht umsetzten; Karl Brandis wirkte trotz allem zuversichtlich, vielleicht weil er als Soldat im Ersten Weltkrieg gedient hatte.
Auch die Familie Brandis erhielt die Anordnung, sich am 2. April 1942 auf dem Hof der abgebrannten Synagoge einzufinden. Zusammen mit der Großmutter Gisela Holzinger und ca. 100 weiteren Regensburger jüdischen Personen wurden sie in Viehwaggons nach Piaski deportiert, einem Städtchen im heutigen Polen, das tausenden deutschen Juden vorübergehend als Ghetto diente. Die Lebensbedingungen waren erbärmlich, es fehlte an vielem, wie Charlotte Brandis mehrmals in Briefen an Vertraute in Regensburg mitteilte. Es gab Arbeitskommandos, zu denen die Männer eingeteilt worden waren. Doch die nationalsozialistische Ideologie sah weitaus Schlimmeres vor. Ein letzter Brief von Charlotte im September 1942 deutet an, dass die Familie bereits getrennt ist und wohl auch Charlotte ihren Angehörigen in das KZ Sobibor folgte und vermutlich dort ermordet wurde.


 


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