Historische Studien
Regensburg 02.12.2011

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Lebensspur Familie Jordan

Am 2. April 1942 musste sich die fünfköpfige Familie Jordan – wie andere jüdische Familien – morgens auf dem Gelände der ehemaligen Synagoge am Brixener Hof einfinden. Pro Person waren ein Koffer und ein Rucksack als Gepäck erlaubt, zusätzlich Gartenwerkzeuge – als Tarnung einer geplanten Ansiedlung im Osten.
Diese bevorstehende Reise war der Abschied von Regensburg; sie endete in Piaski, einem Vernichtungslager im Osten Polens und war der Beginn der Deportationen jüdischer BürgerInnen in Regensburg.
Inge, die jüngste Tochter der Familie Jordan, war erst sieben Jahre alt und war zugleich der jüngste Passagier auf dieser Reise in den Tod. Sie und ihre beiden Schwestern Klara und Annelore ahnten womöglich nicht, wohin sie diese Reise bringen würde.
Der Weg an diesem Samstagmorgen war ein kurzer, denn die Familie Jordan wohnte nur wenige Meter entfernt von der im November 1938 zerstörten Synagoge, in der Schäffnerstraße 22.


Die Schäffnerstr. 22 heute
Der Vater Julius Jordan (geb. 1891) hatte einen Großhandel für Süßwaren und Zucker geführt. Er gehörte einer bekannten Regensburger Kaufmannsfamilie an, war als Soldat im Ersten Weltkrieg eingezogen worden und wollte in den dreißiger Jahren seine Heimatstadt nicht verlassen, denn er gehörte zum Flügel der liberal eingestellten jüdischen Minderheit.
Doch auch er von den Zwangsmaßnahmen der nationalsozialistischen Politik betroffen.
Das Geschäft im Erdgeschoß des Hauses musste er zu einem viel zu niedrigen Preis an den Kaufmann Josef Ruhland verkaufen, den Mädchen wurde 1935 der Schulbesuch auf der staatlichen Schule verwehrt. Immerhin konnte die Familie die Wohnung im ersten Stock des Hauses, welches Julius Jordan im Jahr 1932 gekauft hatte, weiterhin bewohnen. Sogar die Oma Jette Gutmann, die im Jahr 1931 Witwe geworden war, konnte von der Sternbergstraße in die Schäffnerstraße 22 umziehen.
Das Leben in den Jahren nach Kriegsbeginn wurde immer schwieriger: Radiogeräte mussten abgegeben werden, das Einkaufen wurde beschränkt auf vier jüdische Geschäfte (zwei Metzgereien sowie zwei Kolonialwarenläden), die lediglich über Mittag für die jüdischen Bürger zugänglich waren. Viele Lebensmittel waren zudem nur mit Marken erhältlich.

Sich im öffentlichen Raum aufzuhalten, wurde gefährlicher. So war es verboten, das Schwimmbad oder den Park aufzusuchen, ins Kino oder Café zu gehen oder die Straßenbahn zu benutzen. Die jüdischen Familien lebten zurückgezogen und mussten oftmals ihren Lebensstandard stark einschränken.
Da mag der Namenszusatz, den jüdische Männer und Frauen auf Anordnung des nationalsozia-listischen Regimes tragen mussten, eine vergleichsweise harmlose Einschränkung gewesen sein: für Männer galt der Zusatz „Israel“, für Frauen „Sarah“ als deutliches Indiz ihrer jüdischen Identität.
Aus noch ungeklärten Umständen wurde Frau Gutmann jedoch im März 1940 in die Heil- und Pflegeanstalt Karthaus-Prüll eingewiesen. Mit weiteren elf jüdischen Patienten verließ sie Regensburg am 14. September 1940, da die jüdischen Patienten in den bayerischen Heil- und Pflegeanstalten ausgesondert wurden, um „Rassenschande“ zu verhindern, wie es ein Erlass des Reichsministeriums des Innern formulierte. Der Sammeltransport hatte die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar (bei München) zum Ziel; von dort wurden die jüdischen Patienten nach wenigen Tagen zur Tötung in die Anstalt Grafeneck in Baden-Württemberg verlegt. Die Transporte übernahm die Gemeinnützige Krankentransport Gesellschaft mbH (GEKRAT), die berüchtigt war wegen der grauen Busse, mit denen die Patienten regelmäßig gefahren wurden.
Im Gegensatz zur späteren Ermordung der nichtjüdischen Psychatriepatienten wurden zur Erfassung der jüdischen Patienten keine Meldebögen an die Anstalten verschickt. Diagnose, Dauer der Erkrankung oder eine mögliche Arbeitsfähigkeit hatten, wie Clemes Cording,der ehem. Leiter des Bezirksklinikums in seiner Denkschrift zur Geschichte von Karthaus-Prüll schreibt, bei jüdischen Patienten keinerlei Bedeutung.
Um die Angehörigen zu täuschen und eine Suche zu erschweren, wurden ihnen falsche Todesbenachrichtigungen zugeschickt, meist wurde als Absender eine Irrenanstalt Chelm in Polen angegeben, die jedoch im Herbst 1940 gar nicht mehr existierte. Einzelne Sterbeurkunden der Ermordeten wurden von Berlin ins besetzte Polen geschickt, dort mit dem Lubliner Poststempel versehen, um die Existenz einer solchen Anstalt weiter vorzutäuschen. Für die jüdischen Patienten aus Bayern lässt sich mit großer Wahrscheinlichkeit ein Transport nach Grafeneck vermuten.
Mein besonderer Dank gilt jenen Gästen, die im Oktober 2011 eine Donau-Kreuzschiffahrt mit der Reederei Viking unternahmen, denn sie spendeten den Betrag für einen Stolperstein für Frau Jette Gutmann.



Quelle: Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Stadtarchivs Regensburg


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